DFG-Sachbeihilfe: Der spätmittelalterliche Fürst und seine historiographische Darstellung als Krieger, Heerführer und Kriegsherr im süddeutschen, österreichischen und böhmischen Raum

Im Mittelpunkt der DFG-Sachbeihilfe steht die narrative Darstellung des spätmittelalterlichen Fürsten (1250–1517) in seiner Funktion als Kriegsherr, Heerführer und Krieger in zeitgenössischen historiographischen Werken. Bewaffnete Konfliktführung als »herrschaftliches Tätigkeitsfeld« von Fürsten spielt bei der historiographischen Inszenierung eine zentrale Rolle und hat für die mediävistische Forschung zur Herrschaftspraxis im Spätmittelalter hohe Relevanz. Es werden 47 Werke aus dem süddeutsch-österreichischen und böhmischen Raum als Quellenkorpus zugrunde gelegt. Der gewählte Raum erweist sich als besonders geeignet, da die Quellenlage günstig ist und verschiedene Dynastien (Habsburger, Wittelsbacher, Luxemburger) hier um Macht und Herrschaft konkurrierten. Mit Hilfe von vorstellungsgeschichtlichen und narratologischen Methoden werden sämtliche Textpassagen, in denen Fürsten als Kriegsherrn, Heerführer und Krieger inszeniert werden, in einer FileMaker-Datenbank unter Zuhilfenahme von klar definierten Analyseparametern gesammelt. Aufgrund dieser Parameter können systematisch Informationen zur Unterscheidung der Rolle des Fürsten im bewaffneten Konflikt (unmittelbare Beteiligung an Auseinandersetzungen als Krieger, mittelbare Beteiligung als Heerführer, von außen gelenkte Organisation und Finanzierung des Konflikts/Krieges als Kriegsherr), zur Inszenierung des Fürsten im Konfliktfall anhand von verwendeten Symbolen (Krone, Schwert, Banner etc.) und performativ-rituellen Handlungen (hl. Messe, Festessen etc.), zur Form (Feldschlacht, Belagerung, Verwüstungskrieg) und Legitimation eines Konflikts (genereller Krieg, legitimierte Fehde, illegitime Rachehandlung) kategorisiert werden. Somit sollen neue kulturwissenschaftliche Fragen zu sachlich-rationalen Motiven und Emotionen der Fürsten zum Tragen kommen. Ebenso veränderte sich das spätmittelalterliche Kriegswesen durch technische Innovationen (Schießpulver, Festungsbau etc.) und neuartige Strukturen (Söldnerwesen, Rekrutierung etc.) dynamisch innerhalb der 250 Jahre Untersuchungszeit – es steht zu erwarten, dass diese Dynamik sich ebenfalls auf die historiographische Darstellung des Fürsten in Konflikt- und Kriegssituationen niederschlug.
Mit den Methoden der Narratologie werden die relevanten Textpassagen einer Analyse nach Relevanz, Erzählmodus, verwendeter Stilmittel etc. unterworfen, um die Bedeutsamkeit der einzelnen Textstellen im gesamten Narrativ einschätzen und Standarderzählungen von individuellen Herangehensweisen unterscheiden zu können.
Das Projekt wird einen wichtigen Beitrag zur Vorstellungsgeschichte von spätmittelalterlicher Herrschaft im Krieg und Konflikt leisten. Als Ergebnisse der Untersuchung sollen eine Monografie (300–350 Seiten) und eine Open-Access-Datenbank vorgelegt werden.
Projektbearbeiterin: Marie-Kristin Reischl, M.A.
Projektlaufzeit: 01.01.2025 bis 31.12.2027
