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Vasallen und Vasallität in erzählenden Quellen der Karolingerzeit
- Fallstudien aus Historisch-Anthropologischer Perspektive
Vasallen und Vasallität galten lange als zentrale Bestandteile des mittelalterlichen Lehnswesens bis im Jahr 1994 die britische Historikerin Susan Reynolds die Interpretation der Quellenbegriffe durch die Forschung und das daraus gewonnene Konzept des Lehnswesens grundsätzlich in Frage stellte.1 Reynolds behauptete, dass sich ein durchgehender rechtlicher oder technischer Zusammenhang von Vasallität, Benefizialleihe und daraus resultierenden Militärdienstpflichten insbesondere für das Frankenreich im frühen Mittelalter nicht nachweisen lasse. Neuere Forschungen im Anschluss an Reynolds Thesen konnten ihre Befunde weitgehend bestätigen und machten deutlich, wie notwendig eine Neubetrachtung der einzelnen Phänomene, welche die Forschung früher dem Lehnswesen zugerechnet hat, geworden ist.2
Eine solche Neubetrachtung leistet das hier beschriebene Dissertationsprojekt für die in den Quellen als vassi und vassalli bezeichneten Personen im Frankenreich unter der Dynastie der Karolinger. Anhand einer Reihe von Fallstudien, die sich über das 8. und 9. Jahrhundert verteilen (Tassilo III., Einhards Briefe, Erzbf. Hinkmar von Reims, Historiographie des 9. Jh., Gesta Karoli Magni Notkers des Stammlers, ggf. Fallstudien zu Kapitularien und Urkundenbeständen), wird untersucht, welche Bedeutung und Rolle den Vasallen (vassi bzw. vassalli) und der Vasallität – auch im Vergleich mit anderen Phänomenen – in der Karolingerzeit zukam.3
Dazu erfolgt erstens eine semantische Analyse, um den Vorstellungen der Zeitgenossen rund um vassus und vassallus auf die Spur zu kommen und feine Bedeutungsunterschiede der Quellenbegriffe gegenüber weiteren in den Quellen für dieselben oder ähnliche Personenkreise gebrauchten Termini wie homo, satellis oder auch miles herausarbeiten zu können.4 Zweitens werden die Beziehungen zwischen den vassi bzw. vassalli und ihren jeweiligen Herren sowie die Praxis des Aushandelns dieser Beziehungen in den Blick genommen.5 Dies geschieht durch anthropologische Ansätze, die nach dem Einsatz von Ritualen und Gesten6, Patronage- und Freundschaftsverhältnissen7, Gaben und Geschenken8 sowie Emotionen und Loyalitätsbindungen9 oder Hierarchien und Kooperation10 fragen. Drittens stellt sich die Frage, welche langfristigen Veränderungen der Vasallenbeziehungen und der Bedeutung von vassus und vassallus sich im Verlauf der Karolingerzeit und im Vergleich zur Ottonenzeit im 10. Jahrhundert feststellen lassen.11
Die Arbeit konzentriert sich auf historiographische, briefliche und literarische Quellen, welche von der rechts- und verfassungsgeschichtlich geprägten Forschung bislang kaum systematisch in den Blick genommen worden sind. Diese Quellen erlauben es - anders als Kapitularien, Urkunden und Urkundenformeln – die Dynamik der Beziehungen zwischen Vasallen und ihren Herren zu beobachten. Nicht die Spielregeln – um einen häufig verwendeten Terminus der Mediävistik der letzten drei Jahrzehnte aufzugreifen - sondern das Spiel, also die Taktiken und Strategien, die Manipulationen und Interpretationen der Vasallen und ihrer Herren sind Gegenstand der Untersuchung.12
1Reynolds, Susan: Fiefs and Vassals. The Medieval Evidence Reinterpreted. Oxford 1994.
2Dendorfer, Jürgen: Zur Einleitung. in: Dendorfer, Jürgen; Deutinger, Roman (Hrsg.): Das Lehnswesen im Hochmittelalter. Forschungskonstrukte – Quellenbefunde – Deutungsrelevanz. Ostfildern 2010, S. 11-39, ebd. S. 18-20 mit der Literatur in Anm. 24 und 26 sowie auf S. 21-23 in Anm. 41-44.
3Eickels, Klaus van: Verwandtschaftliche Bindungen, Liebe zwischen Mann und Frau, Lehenstreue und Kriegerfreundschaft: Unterschiedliche Erscheinungsformen ein und desselben Begriffs? in: Schmidt, Johannes F. K.; Guichard, Martine; Schuster, Peter; Trillmich, Fritz (Hrsg.): Freundschaft und Verwandtschaft. Zur Unterscheidung und Verflechtung zweier Beziehungssysteme. Konstanz 2007, S. 157–164.
4Goetz, Hans-Werner: „Vorstellungsgeschichte“: Menschliche Vorstellungen und Meinungen als Dimension der Vergangenheit. Bemerkungen zu einem jüngeren Arbeitsfeld der Geschichtswissenschaft als Beitrag zu einer Methodik der Quellenauswertung. in: Goetz, Hans-Werner et al. (Hrsg.): Vorstellungsgeschichte. Gesammelte Schriften zu Wahrnehmungen, Deutungen und Vorstellungen im Mittelalter. Bochum 2007, S. 3-17 (253-271).
5Insofern unterscheidet sich die Arbeit von der bereits veröffentlichten Dissertation von Oliver Salten: Salten, Oliver: Vasallität und Benefizialwesen im 9. Jahrhundert. Studien zur Entwicklung personaler und dinglicher Beziehungen im frühen Mittelalter. Hildesheim 2013. Dressel, Gerd: Historische Anthropologie. Eine Einführung. Wien, Köln, Weimar 1996. Winterling, Aloys (Hrsg.): Historische Anthropologie. Stuttgart 2006.
6Le Goff, Jacques: Le rituel symbolique de la vassalité. in: Le Goff, Jacques (Hrsg.): Pour un autre Moyen Âge. Temps, travail et culture en Occident: 18 essais. Gallimard 1977, S. 349–420. Althoff, Gerd: Ritual und Demonstration in mittelalterlichem Verhalten. in: Brall, Helmut; Haupt, Barbara; Küsters, Urban (Hrsg.): Personenbeziehungen in der mittelalterlichen Literatur. Düsseldorf 1994, S. 457–476. Buc, Philippe: The Dangers of Ritual. Between Early Medieval Texts and Social Scientific Theory. Princeton 2002.
7Althoff, Gerd: Verwandte, Freunde und Getreue. Zum politischen Stellenwert der Gruppenbindungen im frühen Mittelalter. Darmstadt 1990. Epp, Verena: Amicitia. Zur Geschichte personaler, sozialer, politischer und geistlicher Beziehungen im frühen Mittelalter. Stuttgart 1999. Emich, Birgit; Reinhardt, Nicole; Thiessen, Hillard von; Wieland, Christian: Stand und Perspektiven der Patronageforschung. Zugleich eine Antwort auf Heiko Droste. in: Zeitschrift für Historische Forschung, Nr. 32, 2005, S. 233–265.
8Cohen, Esther; Jong, Mayke de (Hrsg.): Medieval Transformations. Texts, Power, and Gifts in Context. Leiden, Boston, Köln 2001. Algazi, Gadi; Groebner, Valentin; Jussen, Bernhard (Hrsg.): Negotiating the Gift. Pre-Modern Figurations of Exchange. Göttingen 2003. Curta, Florin: Merovingian and Carolingian Gift Giving. in: Speculum, Nr. 81 (No. 3), 2006, S. 671–699.
9Althoff, Gerd: Empörung, Tränen, Zerknirschung. 'Emotionen' in der öffentlichen Kommunikation des Mittelalters. in: Frühmittelalterliche Studien, Nr. 30, 1996, S. 60–79. Rosenwein, Barbara H.: Emotional Communities in the Early Middle Ages. Ithaca NY 2006. Althoff, Gerd: Establishing Bonds: Fiefs, Homage, and Other Means to Create Trust. in: Bagge, Sverre; Gelting, Michael H.; Lindkvist, Thomas (Hrsg.): Feudalism. New Landscapes of Debate. Turnhout 2011, S. 101–114. Airlie, Stuart: Semper Fideles? Loyauté envers les Carolingiens comme constituant de l'identité aristocratique. in: Le Jan, Régine (Hrsg.): La Royauté et les Élites dans l'Europe Carolingienne. Lille 1998, S.129–143.
10Bougard, François; Iogna-Prat, Dominique; Le Jan, Régine (Hrsg.): Hiérarchie et Stratification sociale dans l'Occident Médiéval (400-1100). Turnhout 2008.
11Deutinger, Roman: Königsherrschaft im Ostfränkischen Reich. Eine pragmatische Verfassungsgeschichte der späten Karolingerzeit. Ostfildern 2006. Althoff, Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat. Stuttgart, Berlin, Köln 2000.
12Althoff, Gerd (Hrsg.): Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde. Darmstadt 1997. Garnier, Claudia; Kamp, Hermann (Hrsg.): Die Spielregeln der Mächtigen. Mittelalterliche Politik zwischen Gewohnheit und Konvention.
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Di. 12:00 - 14:00 (wöchentlich), Ort: (NK) SR 201,
Termine am Dienstag, 02.06.2026, Dienstag, 30.06.2026 12:00 - 16:00, Dienstag, 21.07.2026 12:00 - 14:00, Ort: (NK) VR 401, (HK 28) VR 003, (WIWI) SR 034
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Do. 10:00 - 12:00 (wöchentlich), Ort: (WIWI) SR 026 (U)
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Di. 12:00 - 14:00 (wöchentlich), Ort: (NK) SR 206
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Do. 12:00 - 14:00 (wöchentlich), Ort: (NK) SR 206
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Mi. 12:00 - 14:00 (wöchentlich), Ort: (NK) SR 205
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Universität Regensburg
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