In der Forschung beschäftigt sich der Lehrstuhl schwerpunktmäßig mit der europäischen Geschichte seit dem späten 18. Jahrhundert, insbesondere mit der süd- und westeuropäischen Geschichte sowie mit der Geschichte des Mittelmeerraums in vergleichender, transfer- und verflechtungsgeschichtlicher Perspektive. Der Lehrstuhl verfügt über ein breites Netzwerk zu Partnerhochschulen in Süd- und Westeuropa sowie zur Max Weber Stiftung - Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland.
In dem Habilitationsprojekt von Dr. Victor Jaeschke werden sozio-ökonomische Folgen von und politische Reaktionen auf akute meteorologische Dürren im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts untersucht. Darüber hinaus interessant sind längerfristige Prozesse der menschengemachten „Austrocknung“, deren Folge dauerhafter Wassermangel mitunter ganzer Regionen war. Ausgehend von Deutschland hat das Projekt eine europäisch vergleichende Perspektive, in der auch die Wasserprobleme Südeuropas in den Blick geraten.
Faschismen waren in ihrer Weltanschauung und Gewaltpraxis auf nationalstaatliche Distinktion und rassistische Exklusion ausgelegt und verfügten über kein ausgereiftes internationalistisches Weltbild. Doch wie erklären sich dann die weitreichenden Beziehungen zwischen rechtsradikalen Bewegungen und Regimen nach dem Ersten Weltkrieg? Das Promotions-Projekt von Daniele Toro, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl, analysiert die transnationalen faschistischen Netzwerke zwischen dem deutschsprachigen mitteleuropäischen Raum und Italien während der langen 1920er Jahre und insbesondere die Beziehungen zwischen den deutschen, österreichischen und italienischen radikalnationalistischen Milieus. Den empirischen Kern der Arbeit bilden die Hauptorganisationen der extremen Rechten in den drei Ländern, wie etwa der Stahlhelm und die NSDAP in Deutschland, die Heimwehr in Österreich und der Partito Nazionale Fascista in Italien. Zudem sollen auch die mit diesen Formationen verbundenen kulturellen Vereinigungen, politischen Klubs, diplomatischen Kreise und Einzelvermittler untersucht werden. Damit beabsichtigt das Projekt eine Rekonstruktion der Entstehungsgründe und des Wandels dieser Verflechtungen sowie die Erforschung ihrer Rolle beim Aufkommen des Faschismus als Phänomen auf grenzübergreifender europäischer Ebene.
Die Auswahledition der Neuen Folge der „Briefe und Akten des Dreißigjährigen Krieges“ bietet ein Kaleidoskop jener Menschheitskatastrophe, die mit dem Schlüsseljahr 1632 einen ersten Höhepunkt erreichte. Bevorzugt bearbeitet werden Dokumente, die Einblicke in die Entscheidungsfindung, Kommunikation sowie Selbst- und Außenwahrnehmung der Politik Kurfürst Maximilians I. von Bayern und seiner Verbündeten bieten. Darüber hinaus ist die Edition anschlussfähig für Fragen der frühneuzeitlichen Militär-, Reichs- und Verfassungs- sowie der Religions- und Mediengeschichte.
Hille Martin (Bearb.), Briefe und Akten zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Neue Folge: Die Politik Maximilians I. von Bayern und seiner Verbündeten 1618–1651. Zweiter Teil, Siebter Band,1632, hg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften durch Helmut Neuhaus.
Auch im Bistum Passau gibt es zahlreiche Menschen, die etwas vereint, das nach dem Selbstverständnis und den Grundwerten der katholischen Kirche niemals hätte geschehen dürfen: Sie wurden als Kinder oder Jugendliche von Priestern sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt.
Die Betroffenen in ihrem Bemühen um Anerkennung und angemessene Würdigung zu unterstützen, womöglich weitere, notwendige Reformen innerhalb der katholischen Kirche anzustoßen und Impulse für eine verbesserte Prävention zu geben, nicht zuletzt mit Blick auf eine erhöhte gesamtgesellschaftliche Sensibilisierung, ist das Grundanliegen dieser Studie – als weiterer Baustein im Gesamtgebäude der stetig wachsenden Zahl wissenschaftlicher Aufarbeitungsstudien zu kirchlichen und weltlichen Einrichtungen.
Durchgeführt wurde das Projekt zwischen Herbst 2022 und Herbst 2025 unter der Leitung von Apl. Prof. Dr. Marc von Knorring, der seit 2008 an der Universität Passau als Neuzeit-Historiker tätig ist. Unterstützt wurde er bis zum Februar 2024 durch ein junges dreiköpfiges Team, bestehend aus zwei Historikern in Teilzeit und der (nicht theologischen) Kirchenhistorikerin Anna Matschl M.A., die anschließend als alleinige Mitarbeiterin und Co-Autorin der Studie fungierte.
Alle Informationen zur Missbrauchsstudie finden sich unter uni-passau.de/missbrauchsstudie
Seit den 1970er Jahren sind Verhaltensratgeber Forschungsgegenstand in Soziologie, Ethnologie und Literaturwissenschaften. Die politische Dimension des Genres wurde dabei bisher ausgeblendet. Apl. Prof. Dr. Marc von Knorring, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, widmete sich in einem dreijährigen Forschungsprojekt mit dem Titel "Anstandsbücher, Etiquette Books und Traités de Savoir-Vivre 1870–1930: Verhaltensratgeber als politische Medien?" der Frage, in welchem Maß sich Anstandsbücher zu politischen Fragen äußerten.
In den Jahrzehnten um 1900 waren Anstandsbücher in Europa ein Massenphänomen. Alt und Jung, Männer und Frauen, Ober- und Unterschichten nutzten sie zur Vergewisserung über das richtige Verhalten in der Gesellschaft, das soziale Sicherheit und Anerkennung, gegebenenfalls sogar Aufstiegsmöglichkeiten, versprach. Die Autoren der Ratgeber registrierten die Bedürfnisse ihrer Leser aufmerksam und gestalteten ihre Publikationen entsprechend.
„Die Funktion der Anstandsbücher für die Entwicklung sozialer Verhaltensnormen, Klassen und Geschlechterrollen sind seit etwa 1970 vor allem in der Soziologie, Ethnologie und den Literaturwissenschaften eingehend erforscht worden. Ausgeblendet wurde dabei jedoch die politische Dimension des Genres der Etiketteliteratur", erläutert Projektleiter Apl. Prof. Dr. von Knorring. Er hatte in seinen Vorstudien diese neue Richtung verfolgt und vermutete, dass Anstandsbücher in ihren jeweiligen Ländern noch eine weitere Funktion hatten: Sie adaptierten Einstellungen und Haltungen sogenannter politischer Teilkulturen und dienten ihnen so als Medien zur Selbstvergewisserung und Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen, sei es mit Blick auf prinzipielle weltanschauliche Fragen, Parteirichtungen oder konfessionelle Prägungen.
Diese Hypothese wurde nun erstmals in einer Langzeitperspektive sowie anhand einer großen Menge von Anstandsbüchern international vergleichend überprüft. Im Fokus standen dabei Deutschland, Frankreich und Großbritannien, die um 1900 auf dem Gebiet der Etiketteliteratur führend waren. Auf diese Weise suchte das DFG-geförderte Projekt nicht nur Eigenschaften und Bedeutung des Genres im Grundsatz zu bestimmen, sondern auch - an der Schnittstelle zwischen Sozial- und Mediengeschichte - einen Beitrag zu zwei sehr jungen, aufstrebenden historischen Forschungsfeldern zu leisten: dem Verhältnis von Medien und politischen Teilkulturen sowie der Entwicklung und Funktion von Massenmedien generell. Die Auswertung einer dreistelligen Zahl von Anstandsbüchern sollte dabei insbesondere auch Erkenntnisse über die Absichten von Verlegern und Autoren sowie über die Rezeption durch ihre Zielgruppen erbringen.
Konkret galt es zu untersuchen:
Die Ergebnisse des auf drei Jahre angelegten Projekts wurden in einer grundlegenden Studie festgehalten und sind veröffentlicht:
"Verhaltensratgeber als politische Medien. Anstandsbücher, Etiquette Books und Traités de Savoir-Vivre 1870–1930", Berlin 2024. (auch online: https://doi.org/10.30819/5862)
Weitere Infomationen sind in der abschließenden Pressemitteilung zum Projekt vom 19.8.2022 zu finden:„Mehr als nur Etikette: Anstandsbücher waren auch politische Medien“.