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Forschung

Die Professur für europäische Geschichte des Mittelalters beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte Europas im Früh- und Hochmittelalter (ca. 700–1200) und fragt danach, wie Menschen ihre sozialen, politischen und religiösen Lebenswelten gestalteten. Im Zentrum stehen lokale Gesellschaften, Formen von Gemeinschaft und Herrschaft sowie die Wechselwirkungen zwischen regionalen Akteuren und übergeordneten politischen Strukturen. Methodisch verbindet die Forschung sozialgeschichtliche, kulturhistorische, vergleichende sowie manuskriptbasierte Ansätze.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung ländlicher Gesellschaften und ihrer sozialen Beziehungen. Wie organisierten Menschen ihr Zusammenleben? Welche Bedeutung hatten Familie, Nachbarschaft, Kirchen, Patronagenetzwerke und lokale Eliten? Und wie veränderten sich diese Strukturen im Zuge politischer, wirtschaftlicher und religiöser Entwicklungen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Forschungen zum Karolingischen Reich und seinen Nachfolgern Frankreich, dem römisch-deutschen Reich und Italien. Zugleich interessieren Fragen zu Herrschaft und Handlungsspielräumen der Menschen vor Ort? Dies geschieht unter anderem im Rahmen der Projekte „Small Worlds – Mobility and Materiality in the early Middle Ages“ sowie im NASD Projekt „Non-Aristocratic Social Differentiation in the Early Middle Ages: comparative perspectives“ (https://projectnasd.wordpress.com/).

Ein zweites Forschungsfeld betrifft Konflikte, Reformen und sozialen Wandel im 11. und 12. Jahrhundert. Vergleichende Perspektiven zwischen verschiedenen Regionen Europas spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Kirchenreform des 11. und 12. Jahrhunderts zählt zu den prägenden Umbrüchen des europäischen Mittelalters. Doch wie eng waren die Reformen mit den tiefgreifenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen ihrer Zeit verbunden? Und spiegeln die unterschiedlichen internationalen Forschungsdeutungen tatsächliche regionale Unterschiede wider – oder vor allem verschiedene wissenschaftliche Traditionen? Diesen Fragen wurde unter anderem in drei trilateralen Villa-Vigoni-Konferenzen nachgegangen, deren Ergebnisse in Kürze in einem ersten Band publiziert werden (https://www.degruyterbrill.com/de/document/isbn/9783112250655/html).

Ein weiterer Schwerpunkt der Professur sind Identitäten im Mittelalter, insbesondere ethnische; ihre Entwicklung insbesondere in Vergangenheitsbildern, in der Historiographie und anderen erzählenden Texten. Hier befinden sich mehrere Projekte in der Vorbereitung.

Zuletzt ist die Geschichte Frankreichs ein wichtiges Forschungsfeld an der Professur. Hier entsteht zurzeit ein Studienbuch zur französischen Königsfamilie der Kapetinger. Ziel des Buches ist es, die Geschichte des hochmittelalterlichen Frankreichs aus der Perspektive der königlichen Familie neu zu schreiben, die – europaweit einmalig – dieses Reich in direkter Vater-Sohn-Folge mehr als 350 Jahre regierte und damit Frankreich nicht nur festigte, sondern in gewisser Weise erst schuf. Prägende Institutionen wie das Parlament und die Generalstände nahmen ihren Anfang in dieser Zeit, ebenso wie die Zentralisierung Frankreichs mit Paris als unangefochtenem Zentrum. Zugleich bedeutete die Epoche den Aufstieg Frankreichs zur europäischen und mediterranen Hegemonialmacht – erschien der erste kapetingische König Zeitgenossen als „Königlein“ („regulus“), so erschienen 300 Jahre später alle Könige außer dem Kapetinger als Königlein. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf den Königen, vielmehr wird ein breites Panorama Frankreichs und seiner Formierung in ihrem europäischen Kontext geboten.

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